Lorenzo Lotto > Das 16. Jahrhundert

Das 16. Jahrhundert

Manierismus

Lorenzo Lotto wird dem Manierismus zugeschrieben, einer Übergangsepoche zwischen Renaissance und Barock in der Malerei aber auch in Literatur, Baukunst, Musik und Plastik. In Italien wird der Manierismus auf die Zeit von etwa 1515 bis 1600 datiert. Andere Länder erreichte diese Stilepoche (italienisch maniera: Stil, Manier) erst 1550 (Frankreich) bzw.1560 (Deutschland). In schlesischen Dichterschulen wurde diese Stilform noch bis 1680 aufrechterhalten. Der Begriff geht auf Giorgio Vasari zurück, der damit den späten Michelangelo beschrieb. Wie der Begriff Manier im allgemeinen Sprachgebrauch, ist auch hier das Übertriebene gemeint. Pathos und Schwülstigkeit werden favorisiert.

Zeitgenossen

Lotto wächst in die Hochrenaissance hinein (1500 bis 1530), zu der eine Reihe berühmter Gemälde gezählt werden: Zum Beispiel „Das Abendmahl“ und „Mona Lisa“ von Leonardo da Vinci (1452-1519), die Ausmalung der Stanzen (päpstliche Gemächer) und das Altarbild „Sixtinische Madonna“ von Raffael (1483-1520) , Albrecht Dürers (1471-1528) Meisterstiche sowie die Deckenfresken in der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo (1475-1564). In diese Kunstepoche gehört aber auch die Architektur des Neubaus des Petersdoms (ab 1506), dem die Entwürfe von Donato Bramato (1444-1514) zu Grunde liegen.
Typische Beispiele für den Manierismus sind etwa die Gemälde „Diana im Bade“ von Francois Clouet (1510-1572), „Heimkehr der Jäger“ von Pieter Bruegel, der Ältere, (1525/30-1569) und „Der Winter“ von Guiseppe Arcimboldi (1527-1593).

Zeitgeschichtliche Ereignisse

1413 Entdeckung der Zentralperspektive durch Filippo Brunelleschi (1377-1446)
1415 Verurteilung und Hinrichtung des tschechischen Reformators Jan Hus (1368-1415)
1415 Beginn der Entdeckungsreisen portugiesischer Seefahrer
1426-29 Beginn der Frührenaissance; revolutionäre Formensprache von Masaccios (1401-1429)
1431 Hinrichtung von Jeanne d'Arc
1432 Begründung des Realismus' in der Malerei durch Jan van Eyck (1390-1441)
1434 Die Medici regieren Florenz und werden zu den größten Förderern der Kunst
1435 Leon Battista Alberti (1404-72,) Urtyp des Universalgenies; entwickelt Proportionentheorie
1452 Letzte Kaiserkrönung in Rom (Friedrich III.);
1452 Gutenberg beginnt mit dem Buchdruck
1474 Andrea Mantegas (1431-1506) Deckenfresken begründen die Raumillusion in der Malerei
1484 Papst Innozenz der VIII. erlässt die Bulle gegen Zauberei und Hexen
1487 Der Hexenhammer erscheint, verfasst von zwei Dominikaner-Patern
1487 Erster philosophischer Weltkongress
1490 Anatomische Studien durch Leonardo da Vinci
1492 Martin Behaim konstruiert den ersten Erdglobus
1492 Kolumbus geht an Land der „Neuen Welt“
1498 Der Bußprediger Girolamo Savanarola (1452-98) wird in Florenz hingerichtet
1500 „Die Geburt der Venus“ von Sandro Botticelli (1445-1510) entsteht; Auftraggeber: Medici
1504 Frankreich verliert Neapel an Spanien
1505 „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch (1450-1516) bringt Bizarres in die Malerei
1507 Die „Neue Welt“ wird erstmalig Amerika genannt; nach Amerigo Vespucci (1451-1512)
1510 Erste Sklaven werden nach Amerika verschifft
1508-12 Michelangelos Deckenfresken in der Sixtinischen Kapelle entstehen
1515 Franz I. von Frankreich erobert Mailand
1517 Luthers Thesenanschlag löst die Reformation aus
1521 Beginn der Kriege um die Vorherrschaft in Italien zwischen Karl V. und Franz I.
1522 Vollendung der ersten Erdumsegelung von Magellan (1480-1521)
1527 Verwüstung Roms durch Truppen Karls V. (Sacco di Roma)
1534 Ignatius von Loyola (1491-1556) gründet den Jesuitenorden;
1534 Heinrich der VIII. vollzieht die Trennung der englischen Kirche vom Vatikan
1535 Niederschlagung der Wiedertäufer in Münster
1536-88 Bau der gigantischen Markus-Bibliothek in Venedig
1541 Kirchenreform durch Johannes Calvin (1509-1564) in Genf
1542 Papst Paul III. verschärft die Inquisition
1543 Nikolaus Kopernikus (1473-1543) veröffentlicht sein heliozentrisches Weltbild
1545 Konzil von Trient beginnt; Ziel ist die Reform der katholischen Kirche
1550 Giorgio Vasari (1511-74) verfasst Biographien der Künstler seit dem 13. Jh.
1555 Augsburger Religionsfriede

Dieser unvollständige Abriss der Ereignisse des 15. und 16. Jahrhunderts belegt die bewegte Zeit, in der Lorenzo Lotto gelebt hat. Man kann davon ausgehen, dass ihm viele dieser Ereignisse bewusst waren und ihn und sein Werk beeinflussten.
Auffallend an den geschichtlichen Daten sind die zum Teil aus heutiger Sicht widersprüchlichen Ereignisse. Letztlich zeigen die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen aber das Spannungsverhältnis, in dem sich das ausgehende Mittelalter auf dem Weg in die Moderne befand.
Eine Reihe von Entdeckungen, Wiederentdeckungen und Erfindungen ermöglichten viele neue Variationen beim Umgang mit Politik und Gesellschaft, in der Forschung und in der Kunst. Manche hielten fast krampfhaft an den alten Werten und Vorteilen fest, andere waren in ihrem Schaffensdrang nicht zu bremsen.
Bemerkenswert ist auch die Vielzahl an Personen, die plötzlich die Veränderungen forcierten. Nicht mehr nur ein Papst, ein paar weltliche Führer und das ein oder andere Genie sorgten für Aufregung. Jetzt, in der Renaissance fühlten sich viele Menschen berufen, mitzugestalten an der Menschheit. Der Buchdruck unterstützte die Verbreitung von Wissen auch in niedrigere Bevölkerungsschichten. Handlungsfähigkeit und Verantwortung oblag nicht mehr nur einigen wenigen. Alte Strukturen brachen auf und oft war das Neue nur durch erbitterte Kämpfe zu erringen.
Das, was Amerika für die Weltkarte bedeutete, nämlich eine erhebliche Erweiterung des Horizonts, erfasste auch andere Bereiche. Den Künsten war es plötzlich möglich, die Welt fast exakt darzustellen – im Kleinen und im Großen. Die Renaissance muss berauschend gewesen sein. Scheinbar waren alte Grenzen, reale und geistige Mauern, eingerissen worden und der Geist erlebte eine neue Freiheit.
Die neuen Möglichkeiten erforderten auch neue Fähigkeiten. Der Mensch konnte fast nicht schnell genug lernen und vergaß ob seiner Entdeckungen, die notwendige Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Machtverhältnisse wurden verschoben und mussten zum Teil neu geklärt werden. Ein scheinbar unbegrenztes Land im Westen (Amerika) bot ungeahnte Möglichkeiten, die die Phantasie beflügelten. Gleichzeitig war die religiöse Gedankenwelt nach wie vor von großer Bedeutung, erdrückte, schränkte ein, beeindruckte und ließ zweifeln, oft sogar verzweifeln.
Wir können das mit dem 20. Jahrhundert vergleichen. Wie verwirrend sind die extrem schnellen Entwicklungen, allen voran das Automobil, die Fliegerei, der Computer und der Aufbruch ins Weltall. Ereignisse und Entwicklungen, die für viele Menschen noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar waren. Die neuen Möglichkeiten zeugen auch von der Begrenztheit des menschlichen Geistes, mit den Entwicklungen Schritt halten zu können. Längst verlangen Umweltschutz und soziale Probleme globales Denken und Handeln und das nicht nur von Einzelnen, sondern von jedem.
Einige dieser Spannungsverhältnisse des 16. Jahrhunderts lassen sich im Werk von Lorenzo Lotto aufzeigen. Er war kein Revolutionär wie vielleicht da Vinci. Lottos Werk wirkte sich eher evolutionär auf die Malerei aus und spielte mit der Kunst. Lotto half entschieden mit, den Weg in die Neuzeit zu ebnen. Dass – vor allem in Deutschland – so wenig über ihn bekannt ist, muss mit Bedauern festgestellt werden.