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Lotteske Kunst

Lotto fällt hier mit einer besonderen Emotionalität aus. Seine Figuren zeigen differenzierte Stimmungen. Lotto überzeichnet die Personen nicht mit übertriebenen Klischees. Seine Darstellungen zeigen Menschen in bestimmten Szenen. Lotto ist präzise und seine Darstellungstechnik verdient die Bezeichnung lotteske Figuren.
Man kann dies in die heutige Zeit der Schauspieler übertragen. Unter den vielen sehr guten, guten und weniger guten Schauspielern, die uns Kino, Theater und Fernsehen präsentieren, fallen einige wenige auf, die von exquisiter Schauspielkunst zeugen. Das Grundwesen des Schauspiels ist seit Jahrtausenden, den Zuschauern Szenen vorzuspielen. Dazu werden Schauspieler benötigt, die ihre Rolle in einer bestimmten Situation so spielen, als würden sie diese Situation tatsächlich erleben. Auf Authentizität kommt es also an. Dies gelingt nur wenigen Schauspielern in verschiedenen Rollen bzw. Situationen überzeugend. Da wären zum Beispiel Tyne Daly, Mario Adorf und Nicolas Cage zu nennen. Dass man Ihnen ihre Rollen abnimmt, liegt vor allem an der Fähigkeit, die emotionale Seite einer Situation nicht nur durch allgemein gültiges Verhalten, sondern auch durch individuelles Verhalten wiederzugeben.
Wenn eine Reihe von Menschen auf irgendetwas mit Angst reagieren, so zeigen ihre Gesichter mimische Elemente, die auch bei mehreren oder sogar allen Gesichtern zu erkennen sind (zum Beispiel aufgerissene Augen) und sehr individuelle Züge. Orientiert sich ein Schauspieler lediglich an den allgemeingültigen Reaktionen, so wirkt die Rolle oft platt und unecht. Gelingt es dem Schauspieler dagegen, sich voll und ganz in die Situation seiner Rolle zu vertiefen und empfindet dasselbe Gefühl, als wäre er tatsächlich in dieser Lage, so wirkt die Gestalt authentischer. Nicolas Cage zum Beispiel kann sowohl den so genannten Bösewicht als auch den guten Helden sehr realistisch verkörpern.
Gesichter wie auch mimische Reaktionen haben auch generationsbedingte Eigenheiten. Wer sich Fotografien von Soldaten aus dem ersten Weltkrieg anschaut und diese mit Fotos gleichaltriger Männer der siebziger Jahre vergleicht, wird schnell feststellt, dass es durchaus Gesichtszüge gibt, die einem typisch für die jeweilige Zeit vorkommen. Dies erklärt auch, warum es uns vielleicht heute bei der Betrachtung der Bilder aus der Renaissance (oder anderer Kunstepochen) schwerfällt, jeden bildlich festgehaltenen Gesichtsausdruck auf Anhieb zu verstehen. Könnte man sich mit jemanden aus jener Zeit darüber unterhalten, wäre dieser vielleicht überrascht, warum man diese oder jene Mimik nicht sofort versteht. (Andererseits wäre dieser Mensch möglicherweise erschrocken über die heute 12- bis 20-jährigen, deren Mimik und Gestik ihm eine stetige Langweile, ein andauerndes Desinteresse vermitteln würde).
Gestik und Mimik richtig zu interpretieren ist gerade bei Lorenzo Lotto etwas schwieriger, da er sehr präzise die Personen dargestellt hat und es nicht bei allgemein gültigen Mimiken oder Gebärden beließ. Dass auch Gemälde anderer Künstler sich uns modernen Menschen einer sicheren Deutung entziehen, zeigt beispielsweise die Mona Lisa. Wie viele Gesichtsausdrücke wurden schon in dieses Bild hineininterpretiert.
Meisterhaft gelingt es Lotto, die Figuren in Szene zu setzen. Heute würde man das bei der Fotografie als Schnappschuss bezeichnen, was wiederum die unglaubliche Spannung zwischen Bildherstellung und Bilddarstellung erklärt. Bei einem Schnappschuss mit einer Kamera wird in einer hundertstel Sekunde die Szenerie einer hundertstel Sekunde eingefangen. Beim Ölgemälde täuscht der Maler vor, das Bild halte einen Wimpernschlag der Geschichte fest. (Und das alles ohne die Hilfsmittel moderner Bildbearbeitung.) Die Gesichter, die Gestiken usw. werden momentan festgehalten. Den Akteuren blieb keine Zeit, sich noch zurechtzumachen oder sich mit einer besseren Mimik zu zeigen.
Bemerkenswert ist auch die lotteske Art, Szenen miteinander zu verbinden. Bei den Polyptychons stehen die Szenen nicht in einem geschichtlichen Zusammenhang und scheinen doch fortlaufend aufeinander abgestimmt. Wie ein Film, der nicht die chronologischen Ereignisse darstellt, sondern sich auf zum Beispiel emotionale Perspektiven konzentriert. Ebenso werden Botschaften miteinander verknüpft, wie etwa die Übertragung des weltlichen Rechts im Bezug zur Übertragung des kirchlichen Rechts.







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