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Geschichtliches Umfeld

Um die Zeit zu verstehen, in der Lorenzo Lotto hineingeboren wurde, ist eigentlich kein großer Aufwand notwendig, denn die Renaissance ist recht gut dokumentiert. Zwischen 1450 und 1550 begann in ganz Europa der Aufbruch aus dem auch damals teilweise schon so empfundenen dunklen Mittelalter. Die „Wiedergeburt“, die an das Wissen anknüpfte, das bereits 1000 Jahre zuvor angehäuft, aber praktisch wieder vergessen worden war, ebnete gleichzeitig den Weg in die Moderne.
Viele Entwicklungen und Ereignisse, die in einem relativ kurzen Zeitraum annähernd zeitgleich stattfanden, beeinflussten sich gegenseitig und eröffneten neue Wege. Dabei ist der Begriff „Neu“ sehr differenziert zu betrachten. Neu war oft nicht das Wissen, sondern dessen Verbreitung, Umsetzung und Nachhaltigkeit.
Schon weit vor Kolumbus, der angeblich übermütig ausprobierte, ob die Erde vielleicht doch eine Kugel ist, war die Form des Erdballs und dessen Position im Sonnensystem bekannt. Nach heutigen Informationen war Kolumbus wohl eher einer der letzten, der Amerika entdeckte. Doch das Mittelalter hatte die Menschen gelehrt, dass es nicht immer von Vorteil war, das Richtige zu wissen. Die Macht der Kirche – und wohl auch die Angst vor dem Verlust des Einflusses und der Bedeutung – regierte das Denken in Europa. Wer anders dachte, tat es meist nicht laut.
Die Frührenaissance leitete in der Malerei den Umbruch ein. Die perspektivische Darstellung, neue Möglichkeiten der Farbgestaltung und der hohe Bedarf an Kunstwerken unterstützte die Entwicklung. Die Malerei ermöglichte plötzlich eine neue, bis dahin nicht gekannte Technik der realen Darstellung. Erst die Fotografie erreichte viele Jahrhunderte später einen ähnlich großen Schritt in Richtung originalgetreuen Wiedergabe des Gesehenen.
Hätten sich jedoch alle Maler nur daran orientiert, die Wirklichkeit so originalgetreu wie möglich wiederzugeben, so hätte es wohl kaum diese Anzahl an beeindruckenden Kunstwerken gegeben, die das 15. und 16. Jh hervorgebracht haben. Der künstlerische Ausdruck ließ sich vor allem darin präsentieren, dass die Realität zumindest leicht überzeichnet wurde. Dies konnte grotesk, dramatisch oder theatralisch geschehen. Sehr verbreitet war auf jeden Fall die Einarbeitung von symbolischen Elementen. Heilige – die Popstars des Mittelalters und auch noch der Renaissance – wurden gern mit ihren Attributen dargestellt, also jenen Gegenständen, die in der Regel erklärten, um wen es sich handelte. Bei vielen Heiligen, die eines Märtyrertodes starben, bildete man beispielsweise den Gegenstand ab, mit dem der Heilige – laut Überlieferung – gefoltert oder getötet wurde.
Obwohl die Renaissance auch ein Aufbruch der Wissenschaft war und ihre selbstbewusste Haltung vorbereitete, die uns heute so selbstverständlich erscheint, waren die meisten Bildwerke von einer tiefen Religiosität geprägt. Dabei war nicht immer der Maler wirklich gläubig. Nicht wenige Menschen zweifelten in dieser Zeit an der Richtigkeit der Glaubenslehre der katholischen Kirche und der Erfolg Martin Luthers ist nicht nur auf seine Überzeugungskraft und seine Genialität zurückzuführen. Er fand auch äußerst fruchtbaren Boden vor.
Die „Entdeckung“ Amerikas durch Kolumbus ließ die Welt größer erscheinen. Der Traum einer neuen Welt war geboren und die Chance, den trostlosen und vielleicht auch gefährlichen (Verfolgung der Juden, Inquisition, viele kleine Kriege) Gegebenheiten in Europa zu entkommen mag vielen Menschen den Mut gespendet haben, Widerstand zu leisten. Die Malerei der Renaissance – von der Frührenaissance bis zum Barock – belegt eindrucksvoll diese Spannungen.
Es wird deutlich, wie dünn oft das Eis war, auf dem Künstler wandelten. Auftraggeber waren in der Regel nicht nur reiche, sondern vor allem mächtige Persönlichkeiten. Der Bedarf an Kunstwerken war groß. Nicht nur, dass überall in Europa Kirchen, Schlösser und auch Rathäuser nach Wandschmuck verlangten, auch für private Wohnbereiche kam die Ausstattung mit Gemälden immer mehr in Mode. Die Baustellen öffentlicher Gebäude waren häufig Treffpunkte der Künstler. Manch ein Kirchenbau war fast vergleichbar mit heutigen Castingshows.
Die Auftraggeber waren sicherlich keine homogene Gruppe. Die mächtigen der Kirche verlangten nach Bildern, die vor allem Szenen der Bibel oder so genannte Allegorien darstellten. Bei letzteren handelt es sich um die malerische Umsetzung von Verhaltensweisen, wie sie in der Bibel oder durch Heilige beschrieben wurden. Im weitesten Sinne stellten sie bildliche Interpretationen dar.
Eine weitere Eigenheit viele Auftraggeber war der Wunsch, selber in dem Werk abgebildet zu werden.
Daraus ergibt sich ein enger Rahmen künstlerischer Freiheit. Die wahre Kunst vieler Künstler bestand denn wohl auch darin, dem Kunden ein Werk zu verkaufen, das dessen Zufriedenheit sicherstellte und gleichzeitig die gewünschten Botschaften vermittelte. Manch ein Kunde war zwar reich und mächtig, aber nicht intelligent genug, um zu verstehen, was der Künstler an ihm vorbeimogelte.
Wesentlich alltäglicher war natürlich der Vorgang, dass die Künstler vom Kunden angewiesen wurden, die Wirklichkeit zu beschönigen. Das konnte zum Beispiel bedeuten, dass das Porträt der geliebten Gemahlin ein „klein wenig“ hübscher ausfiel, als die Vorlage. Derartige Formen der Bildbearbeitung kennen wir heute auch, sei es, dass der Fotograf mit ein wenig Schminke nachhilft oder anschließend am Computer das Bildnis „optimiert“.







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